HAUS DER ZUKUNFT

LEITIDEE des Entwurfs für das Haus der Zukunft ist die Schaffung eines einmaligen Ortes in Berlin für die Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Zivilisation. Das Haus der Zukunft ist eine großartige Chance - eine Platform, die es den Menschen aus aller Welt ermöglichen soll, offen in Dialog zueinander zu treten um die grundlegenden Themen unserer Zeit zu analysieren, zu diskutieren, diese Erkenntnisse zu kommunizieren und daraus Schlüsse für ein zukünftiges Handeln abzuleiten. Es geht um die Schöpfung von Raum für eine umfassende Neubewertung des Verhältnisses Mensch, Natur, Artefakt – und dem Ziel, diesen „Dreiklang“ über Generationen hinweg nachhaltig positiv zu beeinflussen. Für diese einzigartige Gebrauchsform schafft das Haus der Zukunft einen großzügigen Rahmen und gewährt durch seine offene architektonische Konzeption ein hohes Maß an Gestaltungsspielraum für seine zukünftigen Nutzer. Trotz dem Einsatz integrativer Gebäudetechnologien und neuester technischer Erkenntnisse muß das Haus der Zukunft nach Auffassung seiner Autoren keine Momentaufnahme unserer Zeitschicht abbilden. Es hat in seiner Gestalt einen soliden, zeitlosen Duktus, welcher es ermöglicht, seine eigene Entstehungszeit zu überdauern. Es schöpft aus dem umfassenden Fundus architektonischer Raumbildung und seit langem bewährter Bautechniken ebenso wie aus innovativen Gebäudetechnologien. Es besitzt in seinem Ausdruck demzufolge gleichermaßen einen archaisch-zeitlosen wie zukunftsweisenden Charakter.

KONTEXT Stadträumlich fügt sich das Haus der Zukunft in seine bauliche Umgebung ein. Durch Aufnahme vorgegebener Raumkanten und Traufhöhen wird das Stadtgefüge am Spreebogen mit den angrenzenden Blockrändern räumlich ergänzt und gestärkt. Trotzt Schmalseite bildet es zur Spree hin einen Kopf aus, welcher die Sonderstellung seiner Nutzung innerhalb des östlichen Spreebogen-Ensembles klärt und seinen Haupteingang markiert. Ein leichtes „Einknicken“ des Baukörpers an der Ostseite und ein „in der Höhe Zurückstaffeln“ begünstigt die Raumproportionen und Lichtverhältnisse zum Bundesministerium für Bildung und Forschung und schafft einen räumlich gefaßten Binnenraum. Als ein Ort der Begegnung werden urbane Energien vom Haus der Zukunft nicht innerhalb der Gebäudemasse absorbiert, sondern bespielen ihr Umfeld in Form einer stadträumlich wirksamen Setzung. Zugänge und öffentliche Funktionen nutzen die vorgefundene Topographie, sind durchgängig ebenerdig barrierefrei angeordnet und vernetzen das HdZ mit dem Campus der Humboldt-Universität, dem Spree-Ufer und dem Humboldt-Hafen. Trotz selbstbewußter Erscheinung vermittelt das HdZ über seine Materialität zwischen den benachbarten Neubauten und stellt Bezüge zu angrenzenden Klinkerbauten der Charité und näheren Umgebung her. Eine vom Konferenzbereich aus zugängliche Dachterrasse schafft darüber hinaus einen übergeordneten räumlichen Bezug zur Spree und den Regierungsgebäuden.

ARCHITEKTUR Das neue Gebäude versteht sich als offene, weitläufige Struktur für die alltäglichen und besonderen Nutzungen eines Veranstaltungs- und Ausstellungsforums. Dabei nutzt die vorgeschlagene Raumfolge topographische Bedingungen des Ortes im Gebäudeinneren zugunsten einer barrierefreien Verzahnung.

Der Hauptzugang erfolgt am südöstlichen Ende des neuen Stadtboulevards. Hier bildet eine hohe und weitläufige Eingangshalle den Auftakt für alle öffentlichen Aktivitäten im Haus. Diese Halle verbindet die vier Hauptbereiche - Veranstaltungskomplex, Ausstellung, Sonderausstellung und Cafeteria - zu einem zusammengehörenden Raumkontinuum. Untergeordnete Nutzungen wie Garderoben, Sanitärräume und Cash-Room mit Lager sind diesem Raum zugeordnet. Eine rampenartige Stoa, welche den Saal bespielt, und einen ebenerdigen Außenraumbezug zum Alexanderufer herstellt, verbindet die Cafeteria am Humboldthafen mit dem Foyer.

Die Ausstellung mit Main-Show, Themengalerien, Themeninseln und Post-Show befindet sich im ersten Obergeschoß und wird in Verlängerung des Foyers von einer Freitreppe mit Aufzug (Richtung NW) oder einer breiten Rampe (Richtung NO) erschlossen. Das Ausstellungsgeschoß konstituiert sich aus einer Kernzone (den Themengalerien) und einer Abfolge von Kabinetten (den Themeninseln). Letztere sind den jeweiligen Themengalerien zugeordnet und umfassen diese in einer räumlichen Geste „gefäßartig“. Breite, frei stehende Trockenbauwände untergliedern diesen nahezu 1.500m² großen Raum in fünf Galerien. Diese sind mit einem weit spannenden Dach aus Fachwerkparallel-Bindern ausgestattet und werden im Regelfall zenital belichtet. Durch die Integration von Belüftung, Blendschutz, Verdunklung und Kunstlicht innerhalb der Konstruktionsebene / Lichtdecke sind jederzeit verschiedene Licht-Setups innerhalb der einzelnen Themengalerien möglich. Mit überschaubarem Aufwand werden durch den Einsatz von den Trockenbauelementen auch andere Raumszenarios möglich, ohne der Notwendigkeit, in die tragende Bausubstanz einzugreifen zu müssen. Die umlaufenden Kabinette (Inseln) besitzen, im Gegensatz zu den bergenden Galerien, längsformatige, hoch aufgeschossene Raumproportionen. Je nach Standort sind hier unterschiedliche Belichtungs- und Außenraumbezüge etabliert. Alle Kabinette besitzen Tageslicht (vorwiegend zenital oder seitlich von oben), aber auch die Option den Raum nur über eine Kunstlichtdecke zu belichten oder als Dunkelraum zu nutzen. Während allfälliger Umbaumaßnahmen können diese Kabinette autark vom laufenden Betrieb der Themengalerien abgekoppelt und über eine „interne“ Erschließung von den Lagerzonen des Untergeschosses (via Lastenaufzug) bespielt werden. Darüber hinaus ist es möglich, über temporäre Trockenbauwände einzelne Themengalerien aus dem laufenden Betrieb abzutrennen und von einzelnen Kabinetten aus neu zu bestücken. Den Beginn der Ausstellung (oder das Ende, je nach Laufrichtung vom Foyer aus) bildet nahe dem Foyer gelegen, die Main-Show bzw. Post-Show. Bei der Main-Show besteht die Option, die Raum-Geometrie in einen konzentrischen Saal mittels Leichtbau zu verändern. An die Post-Show angehängt befindet sich ein Book-Shop. Von Lesebereich des Book-Shops sieht man in die Sonderausstellung des Untergeschosses. Diese wird über ein großes Fenster - durch die Anlieferungszone hindurch - nach Norden mit diffusem Tageslicht belichtet. Für Projektionen, Vorträge, etc. sind Verdunklungen vorgesehen. Die Sonderausstellung erreicht man - wiederum vom Foyer aus - über eine zweite (von der Ausstellung kommend, gegenläufig angeordnete) Rampenerschließung. Auch hier kann eine vom Ausstellungsbetrieb unabhängige Bestückung direkt von der Anlieferungszone im Erdgeschoss (via Lastenaufzug) oder über angrenzende Lagerzonen im Untergeschoß erfolgen. Im Untergeschoß befinden ferner Haustechnik, Depots, Magazine, Lagerflächen und eine Tiefgarage für Gehbehinderte, welche auch einige überdachte Stellplätze für Fahrräder und die Anlieferung des Facility Management beherbergt. Tiefgarage, ebenso wie Hauptanlieferungszone für Ausstellung, Catering, Küche und dem (inoffiziellen) VIP Zugang werden von der Margarete-Steffin-Strasse erschlossen.

Während sich die Hauptausstellungsbereiche (bis auf wenige Ausnahmen) nach innen konzentrieren, gibt es auf dem Weg dorthin eine Anzahl von gezielt gesetzten Öffnungen, welche die Orientierung und Bewegung im Raum innerhalb des Gebäudes begünstigen und eine Beziehung zum umgebenden Stadtraum mit gezielten Ausblicken herstellen. Diese von Außen scheinbar frei gesetzten Öffnungen konstituieren sich aus dem Gebäude-Inneren.

Das zweite Obergeschoß bildet einen kranzartigen Raum um den tiefer gelegenen Lichthof des Hauptausstellungsbereiches, ist im NO und SO vom Gebäudeperimeter leicht zurückgesetzt und über einen „Kreuzgang“ ringartig erschlossen. Hier befinden sich die Direktion, Mitarbeiterbereiche und Büros der Kuratoren, Koordinatoren und Assistenten/-innen, aber auch flexibel bespielbare Bürozonen und Räume des Facility Management. Ferner eine VIP-Backstage-Area, zwei große Konferenzräume mit zugehörigem Servicebereich, sowie die große nach Süden orientierte Dachterrasse. Hier treffen sich bei schönem Wetter Mitarbeiter oder geladene Besucher zum ungezwungenen Gedankenaustausch, nach Abschluß einer Konferenz oder zum Sektempfang mit Ausblick auf Spree und Regierungsviertel.

KONSTRUKTION Die Tragstruktur des Gebäudes steht im Dienste der großen freien Spannweiten des erläuterten Raumkonzeptes. Boden, Wände und Decken werden in Ortbeton als veredelter Rohbau ausgeführt und besitzen bezugsfertige Oberflächen. Lediglich der Hauptausstellungsbereich der Themengalerien im ersten OG wird mit leichten Trockenbauwänden bestückt und als „weiches Inneres“ des Hauses in schillerndem Weiß gehalten. Die Decke über dem Veranstaltungssaal spannt in Querrichtung zur Kernzone des Stuhllagers über rund 21m und ist als vorfabrizierte und vorgespannte Stahlbeton-Trägerlage (b/d ca. 80/170 cm) mit einer Betonbalkendecke in Längsrichtung konzipiert, welche auf massiven Stahlbetonwänden ruht. Diese vier T-Träger dienen auch als Unterkonstruktion für die optionale Trennung des Saales in mehrere Teilabschnitte. Der östliche Schenkel der Kabinette im ersten Obergeschoß ist als Stahlbeton-Kastenträger ausgebildet und lagert auf der Außenwand über Eck der Anlieferungszone. Über der Sonderausstellung verläuft eine vorgespannte Hohlkörperdecke. Die Themengalerien im ersten Obergeschoß werden mit einem Dachtragwerk aus Fachwerkparallelträgern (Binderhöhe ca. 2.70m) in West-Ost-Richtung überspannt, welche auch für natürliches und künstliches Licht sorgen und sämtliche Trassenführungen und Beheizung / Kühlung in sich aufnehmen. In Querrichtung verlaufen IPE-Träger (ca. 300mm). Die Horizontalaussteifung erfolgt im Wesentlichen über die Erschließungskerne. Sonstige Innenwände und Decken werden in glattem Ortbeton (Sichtbetonklasse 2) errichtet und zum Teil bauteilaktiviert.

Die Fassade ist zugunsten einer möglichst zeitlosen Lesbarkeit im Ausdruck einer nachhaltigen Setzung integraler Bestandteil des Hauses der Zukunft. Sie stellt die wesentliche Schnittstelle zwischen Innen und Außen, zwischen Benutzer und Stadtraum her und besteht zwar aus einem mehrschichtigen, aber massiven Aufbau. Dabei vermittelt die eingeschossige Sockelzone aus eingefärbtem, gestocktem Sichtbeton zwischen Topographie und Gebäude. Darüber steigt eine dunkle Klinkerfassade als hinterlüftete, hochgedämmte Vorsatzschale auf, welche durch eine Betonattika ihren oberen Abschluß findet. Hinsichtlich Anforderungen an den Transmissionswärmeverlust entsprechen alle Außenwandkonstruktionen, Fenster und Dach dem Passivhaus-Standard. Darüber hinaus sind Sichtbeton als auch Zieglstein als Fassaden-Materialien (gleichwohl der höherer Anfangsinvestition) sehr robust und wartungsarm.

ENERGIE Das Energiekonzept des Hauses der Zukunft basiert auf einer für die geplante Nutzung optimal gedämmte Gebäudehülle. Ziel ist es, eine weitest gehende Unabhängigkeit von externen Energiequellen zu erreichen. Dadurch werden Energieverluste im Winter minimiert, aber auch externe Wärmegewinne im Sommer nicht bestimmend. Im Sommer beeinflussen die sich aus der Nutzung ergebenden inneren Lasten den Kühlungsbedarf. Die Lüftungsanlagen dienen ausschließlich der Frischluftversorgung für die im Gebäude befindlichen Personen. Daher wird die Außenluftmenge für jeden Raum über Luftqualitätsfühler geregelt. Die Volumenströme werden so angepaßt, daß der Druckverlust im Gesamtkanalnetz variabel auf den jeweiligen Schlechtpunkt geregelt wird (Kanaldruckmanagement). Damit werden die benötigte Ventilatorenergie und die Ventilatorlaufzeiten minimiert. Die verbleibenden Heiz- oder Kühllasten werden je nach Lasten oder räumlicher Gegebenheiten über thermisch aktivierte Bauteile oder Heiz-Kühldecken abgeführt. Die Heiz- und Kühlelemente werden über dezentrale Einzelpumpen an den jeweiligen Verbrauchern versorgt, so daß nur die wirklich benötigte Wassermenge im System transportiert werden muß. Dies minimiert zum einen den Energieaufwand für den Transport, zum anderen die Bereitstellungsverluste des Gesamtsystems. Die Bereitstellung von Kühlenergie erfolgt über sorptive Entfeuchtung mit adiabater Kühlung. Die regenerative der sorptiven Salzlösung erfolgt über eine thermische Solaranlage. Die Salzlösung ist unbegrenzt lagerbar, so daß der gesamte Kühlbedarf in den Lüftungsanlagen über entsprechende Speicherung abgedeckt werden kann. Der verbleibende Heiz- und Kühlbedarf wird aus einer geothermischen Erdsondenanlage mit Wärmepumpe gedeckt. Die Solaranlage wird für die Warmwasserbereitung und die Heizungsunterstützung über einen Pufferspeicher zugeschaltet, um die Laufzeit der Wärmepumpe zu minimieren. Durch diese Maßnahmen sowie energieeffiziente Beleuchtung (LED) für weitgehend tagesbelichtete Räume und eine natürliche Belüftbarkeit, wo dies möglich ist, wird der Strombedarf soweit minimiert, daß dieser bilanziell über die Photovoltaikflächen des Gebäudes gedeckt werden kann.

LANDSCHAFTSARCHITEKTUR Der begrünte Stadt-Boulevard zwischen dem BMBF und dem Hause der Zukunft ist als verkehrsfreier, urbaner Platz konzipiert. Er nimmt die städtebaulichen Achsen auf und verbindet das Kapelle-Ufer über die Margarete-Steffin-Straße mit den benachbarten Grünzügen von Universität und Charité durch seine heitere und urbane Atmosphäre.

Der Platz wird über rampenartige Verläufe auf das Eingangsniveau der Hauptzugänge angehoben. Biomorphe, sich aus dem Boden erhebende, bepflanzte Formen strukturieren diesen aus dem Gebäude heraus. Die breiten Ränder der hainartig bepflanzten Inseln fungieren als Sitzgelegenheit und dienen den Passanten und Gästen zum Verweilen. Hier trifft man sich im Alltag oder sitzt im Sommer zusammen.

Die nach Südwesten orientierte Dachterrasse des zweiten Obergeschosses dient bei Veranstaltungen den Teilnehmern als zusätzlicher Außenraum mit weitem Blick über das Spree-Ufer. Die steppenartigen Grasfelder auf dem Dach verweisen und erzählen mit leisen Geräuschen von diesem.

Die erwünschten 110 Fahrradstellplätze sind auf dem Boulevard locker verteilt, weitere 90 befinden sich innerhalb des Gebäudes. Die Vorfahrt für VIP Gäste bei größeren Forumsveranstaltungen sowie die Andienung der Rettung wird über die durchlässige Platzstruktur zum Kapelle-Ufer hin ermöglicht.
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